Reha Teil II

Nun kam die heiss ersehnte Zwischenuntersuchung, etwa eineinhalb Wochen nach Antritt der Reha. Ich landete bei einer Frau Doktor, deren Ambitionen ich bis heute nicht verstehe. Sie fragte mich, wie es mir gehe, ich antwortete „gut“, und dann wäre ich mehr oder weniger schon wieder entlassen gewesen. Ich bat sie um eine Verlängerungswoche, weil ich doch noch so jung wäre, und so schnell wie möglich wieder arbeiten gehen wollen würde, und so schnell wie möglich wieder voll fit sein wollen würde. Ihre Antwort war, dass die Therapien, die ich hier machte, ja maximal unterstützen können, für mich zählt jetzt nur Bewegung, Bewegung, Bewegung, und dass die Entscheidung, ob ich eine Verlängerung kriegen würde, getrost ihr und meinen Therapeuten überlassen könne, man wird mich zu gegebener Zeit informieren. Ich hörte nie mehr wieder was. Und ich ärgerte mich über die herablassende Art, denn es hörte sich sehr danach an, dass ich als Systemausnutzer gesehen wurde.

Ich machte also brav weiter meine Therapien. Achja, noch was: Wer glaubt, dass es mit den Therapien, die man in den Gruppenstunden und Einzeltherapien macht, getan ist, sollte sich die Welt nicht allzu rosa ausmalen. Sofern es mir möglich war, ging ich jeden Tag selbständig in den Fitnessraum und trainierte entweder mit dem BalanceBoard oder mit der Kletterwand und/oder ich setzte mich zusätzlich aufs Rad. An den Wochenenden, an denen wenig bis keine Therapien stattfanden, waren ausgedehnte Spaziergänge und Gymnastikraum angesagt. Sobald es möglich war, fuhr ich die Stockwerke nicht mehr mit dem Aufzug sondern übte Treppen steigen.

Darum konnte ich auch den ewigen Jammerern nicht mehr zuhören, die ständig erzählten, bei ihnen trete keine Besserung ihres Zustandes ein. Man sah immer nur dieselben im Fitnessraum. Und das waren bestimmt nicht diejenigen, die jammerten! Es war viel Arbeit. Und sie musste sein. Punktum. Und wer glaubt, mit ein bisschen Wischiwaschi-Übungen schnell wieder fit zu werden, der glaubt halt nur.

Nach insgesamt sechseinhalb Wochen nach der OP konnte ich dann die Krücken ins Eck stellen. Vorerst nahm ich auf Anraten der Therapeuten die Krücken verkehrt, damit sie keine sooooo große Stütze mehr waren aber für den Notfall immer noch da. Dann durfte ich sie im Gebäude weggeben. Wenn ich raus ging, nahm ich sie gerne noch, denn jede Gehsteigkante wurde ein schier unüberwindbares Hindernis. Sollten Sie je jemanden (mit oder ohne Krücken) vor einer Gehsteigkante sehen, der augenscheinlich sich eigenartig verhält, so überlegt er vermutlich gerade, wie er den Schritt nach unten bewältigen soll, ohne nach vorne zu kippen.

Das bringt mich nämlich auf ein Thema, das ich bald schon wieder verdrängt hätte – meine Angst, mit dem Knie nach vorne zu schnalzen. Die ersten 5 cm, wenn man in die Knie geht, waren für längere Zeit eine schier unüberwindbare Sache, weil ich ständig das Gefühl hatte, das Knie hat keinen Halt, schnalzt nach vorne und ich falle. Meine Therapeuten kämpften mit mir an einer Front, ich bekam Tapes, man versuchte alles! Schließlich schaffte ich es, diese 5 cm zu überwinden. Ein eigenartiges Gefühl ist es auch jetzt, 3 Monate nach der OP noch, aber zumindest weiss ich, dass der Halt gegeben ist. Ich führe dieses Unsicherheitsgefühl auf die Schwellung im Knie zurück. Und wieder muss ich gestehen, dass diese Barriere wohl mehr in meinem Kopf existierte, als dass sie tatsächlich da gewesen wäre.

Sobald die Krücken weg waren, war Treppen steigen lernen angesagt. Wenn man auf beiden Knien jetzt nicht unbedingt das große Vertrauen hat, ist das treppab steigen schon eine ganz schöne Herausforderung. Es hat mich ein ganzes Wochenende etwa 10 mal vom Keller in den 3. Stock und wieder retour gekostet, etwas Vertrauen zu bekommen. Dafür erntete ich Montag ein dickes fettes Lob von der Therapeutin! Allerdings konnte ich die Treppe nicht immer super bewältigen – es gab gute und schlechte Tage.

Das übrigens war mein Spruch für alle, die mich fragten, wie es mir gehe: Es gibt gute und schlechte Tage. Manchmal gab es auch gute und schlechte Stunden. Damit musste man sich abfinden, dass der Zustand immer mal wieder wechselte. Auf 2 hintereinander folgenden gute Tage kamen mit großer Bestimmtheit ein paar schlechtere. Ein ewiges Auf und Ab für sehr lange Zeit.

Die Beweglichkeit und Kraft meiner Beine wurde jeden Tag besser, auch wenn das Schmerzempfinden eben jeden Tag unterschiedlich war. Wenn ich sage, die Beweglichkeit wurde besser, meine ich nicht die Beugung, die ist auch nach 3 Monaten noch immer auf 120 Grad, und nicht spontan verfügbar, sondern wenn ich mich aufs Rad setze, muss ich sie mir die ersten 3-4 Umdrehungen schmerzhaft erarbeiten. Ausserdem habe ich zwar 120 Grad auf dem Rad, nicht aber, wenn ich liege, und den Fuss aufstelle. Da muss ich froh sein, nach einiger Zeit und Massage auf 105-110 Grad zu kommen. Der Alltag ist allerdings mit dieser Beugung recht gut bewältigbar.

Zu schaffen machten mir lange Zeit Muskelkrämpfe in den Oberschenkeln, die natürlich immer abends und nachts auftraten. Das Magnesium, das ich dagegen verabreicht bekam, war ohne jegliche Wirkung. Abends, wennich mich ins Bett legte, krampfte der Muskel und liess mich nicht einschlafen. Hatte ich es doch irgendwie geschafft, einzuschlafen, wurde ich bald darauf wieder wach und der Muskel krampfte (wieder oder noch immer). Wenn ich auf der Seite lag (was nach 2 Monaten für etwa 2 Stunden wieder möglich war, was sich idealerweise mit meinem Schlafrhytmus deckte) und wegen der Muskelkrämpfe wach wurde, drehte ich mich auf den Rücken, musste aber die angewinkelten Beine händisch nach unten drücken. Nachdem ich dieses Spiel einige Wochen mitgespielt hatte, ließ ich mich nach der Reha, zu Hause, trotz anfänglichem Widerstands, dazu hinreissen, ein Muskelrelaxant zu nehmen, das ich mal bei einem meiner Bandscheibenvorfälle verschrieben bekam. Der Effekt war, dass sich der Muskel zwar nicht mehr so stark krampfte, ich allerdings für den Gang zur Toilette mitten in der Nacht Hilfe benötigte, weil mir die Beine fast wegknickten. Das war nun auch nicht das Gelbe vom Ei. Mit dem Hausarzt zusammen fanden wir eine Lösung in Form von „Sirdalud“, einem nur sehr dosierten Muskelrelaxant. Nach 14tägiger Einnahme konnte ich dieses Medikament dann auch wieder weglassen, und alles normaliserte sich.

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