zu Hause Teil I

Nun kam ich also nach Hause. Was heisst nach Hause! Die erste Hürde war, mit Krücken das schützende Krankenhaus mit Böden ohne Hindernissen, zu verlassen und auf die offene Straße zu „gehen“ (zeitlupenmäßig), wo sich Wege erdreisteten, Steigungen und Gefälle und Gehsteigkanten zu haben! Das Auto parkte 200 m vom Krankenhauseingang. Es waren die längsten 200 m meines Lebens. Und es regnete. Bis ich beim Auto war, war ich pitschnass! Da war ich aber erst BEIM Auto, und noch lange nicht IM Auto!

Wir hatten einen Citroen C1. Ziemlich tief unten, dieses kleine Schüsselchen! Erst mal schoben wir den Beifahrersitz ganz zurück. Dann kam das erste Bein mit kleiner Beugung ins Auto. Aber wie sollte ich jetzt weiter tun? Wie auch immer, ich will damit nur andeuten, dass selbst so Kleinigkeiten wie „steig ins Auto ein“ zu einem Monsterthema werden können! Ich war irgendwann drin und wir konnten fahren. Sitzen war unbequem, die Fahrt dauerte etwa eine halbe Stunde, und wir mussten noch zur Apotheke. Ich blieb sitzen, mein Schatz holte „mal schnell“ die Medikamente. Nun hat der Herr Apotheker aufgrund der Medikation auf meiner Verschreibung gleich gefragt, ob denn da ein künstliches Knie gemacht wurde, weil er auch vor kurzem eins gekriegt hatte, und hat meinen Schatz eine gefühlte Stunde (in Wahrheit werdens wohl nicht mehr als 15 Minuten gewesen sein) aufgehalten! War nicht sehr angenehm, kann aber grundsätzlich überlebt werden.

Zuhause warteten dann Stiegen im Ausmaß von 2 Stockwerken auf mich. Stiegensteigen hatten wir im Krankenhaus gelernt: Zuerst mit dem besseren Fuss hinauf, dann den schlechteren nach. Hinunter genau umgekehrt, der schlechte geht vor. Ja, ich hatte ein besseres und ein schlechteres Knie nach der Operation. Allerdings, wenn man die Stiege rauf oder runter steigen möchte, fällt einem nicht so schnell ein, welches das bessere oder das schlechtere ist. Daher steht man manchmal einige Zeit vor der Treppe, bevor man sich entschieden hat, mit welchem Fuss man anfängt, denn mit dem falschen anzufangen könnte fatale Auswirkungen haben!

Die Erstbesteigung zur Wohnung fühlte sich an wie eine Bergtour auf einen Achttausender (nicht dass ich wüsste, wie sowas ist…). Und das galt für alles, was ich in den ersten paar Tagen zu Hause zu tun hatte. Sei es ein simpler WC-Gang, sei es das Sich-Erheben von der Couch, alles war schwer. Alles verlangte nach unglaublicher Energie. Sollte jemand glauben, nach den 11 Tagen Krankenhaus kann er zuhause schon irgendwie alleine zurecht kommen – NOPE! Mein Schatz hatte sich Pflegeurlaub genommen und versorgte mich zu Hause, brachte mich zur Physiotherapie, kaufte ein, putzte, wusch, und half mir in die Badewanne und wieder heraus. Das erste Mal Badewanne glaubten wir beide daran, dass Körperpflege gar nicht so wichtig sein kann, dass man dieses Risiko auf sich nehmen sollte.

Aber: Mit jedem Tag wurde es ein bisschen besser. Jeden Tag konnte ich etwas mehr. Jeden Tag ging es ein Stückchen bergauf. Trotzdem waren meine Nerven extrem angeschlagen. Ich war unglaublich glücklich, dass alles so gut verlaufen war, und musste trotzdem tagelang und nächtelang heulen, ohne ersichtlichen Grund. Apropos Nächte – die waren ein bisschen zäh. Als ich nach Hause kam, nahm ich die Schlaftabletten noch ein paar Tage weiter. Doch ich kam lediglich auf einen Schlafrhythmus von eineinhalb Stunden. Mehr war nicht drin. Nach eineinhalb Stunden stand ich auf, wanderte am Gang hin und her, legte mich auf die Couch, massierte meine Knie und meine Narben für laaaange Zeit, schlief dort eineinhalb Stunden, wanderte wieder am Gang hin und her, legte mich wieder ins Bett, usw. Also entschied ich, die Schlaftabletten weg zu lassen, was meinen Schlafrhythmus auf 1 Stunde reduzierte – das war dann auch schon egal.

Die Schlafprobleme rührten in dieser Zeit daher, dass ich Seitschläfer bin. Derzeit war aber auf der Seite schlafen ein NoGo. Im Krankenhaus war das alles noch egal, denn durch die Verstellbarkeit des Bettes rettete ich mich schon irgendwie am Rücken durch die Nacht. Daheim war das unmöglich. Ich wurde wach und hatte das Gefühl, jedes meiner Beine wiegt 500 kg. Bis ich sie wieder in Gang brachte, dauerte es eine Zeit. Das besserte sich erst wieder, als ich zur Reha ging. Ich führe das auf die verstellbaren Krankenhaus- und Rehabetten zurück.

Bestimmt fragen Sie sich, warum ich nicht gleich im Anschluss an den Krankenhausaufenthalt die Reha angetreten habe. Weil mir der Arzt gesagt hat, man hätte die besseren Heilerfolge erzielt, wenn die Patienten zwischendurch daheim gewesen waren. Ich kann das nachvollziehen. Man ist knapp 2 Wochen im Krankenhaus und soll dann für 3 bis 4 Wochen in die Reha. Wenn ich 6 Wochen am Stück nicht zu Hause bin, greift das meine Psyche enorm an, was wiederum negativ auf den Heilungserfolg wirkt. Und Weihnachten und Neujahr lag schließlich auch in dieser Zeit! Da will man dann doch daheim sein, auch wenn einem Weihnachten nicht unbedingt viel bedeutet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s